In unserer Rubrik "Interview des Monats" stellen wir jeden Monat eine(n) Deutsche(n) in der Mongolei und seine/ihre Geschichte in einem kurzen Interview vor.

Diesen Monat: Corinna Bethge, Artisticand Executive Direktorin “Urban Nomads“ c/o Zentrum Bundesrepublik Deutschland des Internationalen Theaterinstituts e.V. (ITI) .

 

MDB: Guten Tag, Frau Corinna Bethge. Zunächst einmal eine fast obligatorische Frage: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie heute in der Mongolei arbeiten?

Mich hat schon lange eine bestimmte Vorstellung von der Mongolei fasziniert, genauer gesagt, von den Mongolen: Das sind stolze, unabhängige Menschen, die in einer höchst faszinierenden, Jahrtausende alten Kulturform als Nomaden durch die freie Weite ziehen... Mir war zugleich klar, dass ich dabei westlichen Projektionen unterliege. Also habe ich begonnen, zu lesen und zu recherchieren, um mehr über die Realität und die Widersprüche der gegenwärtigen mongolischen Gesellschaftzu erfahren. Als Theaterregisseurin interessierte mich auch der Zusammenhang von künstlerisch-kulturellen und sozio-politischen Phänomenen.

Ganz entscheidend war aber auch, dass ich 2011 im Fachbereich Mongolistik an der Humboldt-Universität zu Berlin die Theaterwissenschaftlerin Bayarmaa Munkhbayar getroffen habe. Das war und ist eine glückhafte Begegnung. In vielen Gesprächen mit Bayarmaa ist die mongolisch-deutsche inhaltliche Konzeption von URBAN NOMADS entstanden, wir sind gemeinsam Gründerinnen und Leiterinnen. Ebenfalls sehr wichtig ab 2011 ist Algirmaa Luvsan, Gründerin und Geschäftsführerin der NGO Genius World, die maßgeblich zum Aufbau des Projektes vor Ort in der Mongolei beigetragen hat.

Heute sind außerdem in Ulan Bator Gerelsukh Otgon, Dr. Otgontogtool Tserenchimed und Enkhzul Tseveg wichtig für das Projekt, in Berlin Munkhzul Togmid und Gereltuya Batjargal, in Wien Dr. Mungunchimeg Batmunkh sowie noch viele weitere an diversen Orten. URBAN NOMADS ist eine zivilgesellschaftliche Initiative und ein internationales Künstler- und Forschernetzwerk.

 

MDB: Können Sie uns kurz den Aufbau Urban Nomads erläutern? Welche Ziele verfolgt das Projekt „Urban Nomads“?

Das primäre Ziel von URBAN NOMADS ist die Verbindung von Kunst mit sozialem Engagement. Inhaltlich ist unser Name Programm: Wir beschäftigen uns mit dem Thema „UrbanesNomadentum“ aus mongolischer wie aus europäischer Sicht. In der Mongolei liegt die Brisanz der Thematik, der offenbare Widerspruch zwischen „Urbanität“ und „Nomadentum“ auf der Hand. Der starke Zuzug von Nomaden in die Hauptstadt Ulan Bator bedeutet nicht nur einen starken sozialen Wandel, sondern bringt auch einschneidende Veränderungen für die kulturelle Identität heutiger junger Mongolen mit sich. Wie sich diese Prozesse künstlerisch auswirken, interessiert uns sehr. Auch in Europa verändern sich die Gesellschaften intensiv, Begriffe und Diskurse über „urbane Nomaden“ sind in aller Munde, bedeuten aber etwas vollständig anderes: Keine historisch gewachsene Kulturform wie in der Mongolei, die durch sozialen Wandel bedroht ist, sondern Philosophiediskurse, die sich unversehens in Zeitgeistmetaphern von reisenden Businessmännern oder in die Namen von Luxusreiselabels und hippen Konsumprodukten verwandeln... Der gleiche Begriff für vollkommen verschiedene Gesellschaftsphänomene ist für uns ein interessanter Ausgangspunkt, um Fragen zu stellen und künstlerische Antworten zu formulieren.

URBAN NOMADS ist ein Netzwerkprojekt, an dem sich zahlreiche Künstler, Forscher, Studierende und Bürger beteiligen. Projektträger ist das Zentrum Bundesrepublik Deutschland des Internationalen Theaterinstituts e.V. (ITI). Das ITI ist eine 1948 gegründete internationale NGO, die größte internationale Performing Arts Organisation, unter dem Dach der UNESCO mit Zentren in 96 Ländern weltweit. Perspektivisch denken wir auch über die Gründung einer eigenen Rechtsform in der Mongolei und Deutschland nach. Ab Sommer 2013 endlich wird es unter der Adresse www.urbannomads.org Dokumentationen unserer bisherigen Projekte seit September 2012 in der Mongolei, in Österreich und in Deutschland sowie viele weitere Informationen geben.

 

MDB: Was hat Sie dazu bewegt, dieses Projekt ins Leben zu rufen?

Ursprünglich habe ich Geisteswissenschaften (Germanistik, Philosophie, Soziologie) studiert, bin dann Regisseurin geworden und habe an vielen Theatern in Deutschland inszeniert (vgl. www.corinnabethge.de), parallel ein Zweitstudium in Arts Administration/ Kulturmanagement absolviert, anschließendin verantwortlicher Position in großen deutschen Kulturinstitutionen gearbeitet. Nach 20 Berufsjahren haben mich dann neue Herausforderungen gereizt: Internationales und transkulturelles Arbeiten, die Gründung eines eigenen Projektes, Neugierde, Abenteuerlust und das Interesse, eine mobile, „nomadische Zelle“ zu sein, möglichst unabhängig und selbstbestimmt. Für den Rest hat dann der große blaue Himmel gesorgt: Die Faszination für die mongolische Kunst und Kultur und die Begegnung mit den genannten Mongolinnen waren 2011 die Initialzündung für den Start von URBAN NOMADS.

 

MDB: Nun, nach Ihren Erfahrungen und Erlebnissen in Deutschland und in der Mongolei: Wo sehen Sie Chancen, wo Probleme und Hindernisse?

Generell interessiert mich sehr die Rolle und Bedeutung von Kunst und Kultur in einer Gesellschaft. Kunst ist keine Feierabendunterhaltung, sondern Kunst beschäftigt sich ebenso wie Philosophie mit dem Identitätskern von Menschen. Gleichzeitig sind Kunst und Philosophie sozusagen eine gesellschaftliche Metaebene, haben die Aufgabe und die Funktion zu beobachten, was passiert, auf Entwicklungen aufmerksam zu machen, widerspenstig zu sein. – Mir ist klar, dass das ein sehr westlicher Ansatz ist. Es ist der, in dem ich künstlerisch sozialisiert wurde. – Das ist übrigens natürlich absolut kein Plädoyer gegen Spaß. Die interessanteste Kunst ist klug und kritisch und absolut lustvoll gleichermaßen.

Schon eine wachsende Herausforderung in Europa, aber offenbar noch viel mehr in der Mongolei, ist die Finanzierung von Kunst. Kunst ist per se nicht kommerziell. Kulturpolitik und Kunstfinanzierung haben mit dem Erkennen und der Wertschätzung der höchst wichtigen Rolle von Kunst für gesellschaftliche Prozesse zu tun. Dies ist leider nicht selbstverständlich. Schon in Deutschland muss permanent daran erinnert und kulturpolitisch dafür gekämpft werden. In der Mongolei scheint dies mindestens so notwendig zu sein wie in Europa.

Gleichzeitig sollten neue Wege der Zusammenarbeit von allenzivilgesellschaftlichen Akteuren – aus Kunst, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft – beschritten werden. Auch dazu möchte URBAN NOMADS perspektivisch beitragen.

Anfang Mai habe ich in Ulan Bator an einer interessanten und lehrreichen Konferenz mit dem Titel „Beziehungen zwischen Deutschland und der Mongolei – Stand und Perspektiven“teilgenommen und darüber gestaunt, dass das Thema Kunst und Kultur nicht vorkam. Bildung war noch der verwandteste Bereich, aber das Fehlen der Kunst war eine sehr bezeichnende Leerstelle. URBAN NOMADS ist ausdrücklich ein Kunst- und Bildungsprojekt. Ohne Bildung, Geistesbildung, Aufklärung ebenso wie Kunstbildung, kann es keine innovative und gesellschaftlich relevante Kunst geben.

 

MDB: Mit welchen Kulturinstitutionen bzw. Künstlern und Künstlerinnenarbeiten Sie zusammen?

Beim URBAN NOMADS Programm 2013/2014 konzentrieren wir uns auf ein Format, das uns besonders interessiert: Partizipative Performance-Projekte, also experimentelle Theateraufführungen mit Bürgerbeteiligung  im öffentlichen Raum zu gesellschaftlich relevanten Themen. Insofern haben wir insbesondere Künstlerinnen und Künstler, die seit vielen Jahren international Erfahrung mit dieser Arbeitsweise haben, eingeladen, mit mongolischen Kollegen sowie Philosophen, Stadtplanern, Mongolisten, Kulturwissenschaftlern, Studenten und Bürgern gemeinsam entsprechende Projekte zu entwickeln.

Zentral für unser Hochschulnetzwerk sind die Mongolistik der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Bonn, die Universität der Künste Berlin, die Fachhochschule Dortmund, dieMongolian State University ofArtsand Culture, die National University of Mongolia und die Mongolian University of Science und Technology. Über die Beiräte, die wir in beiden Ländern aufbauen, kommen perspektivisch noch weitere Universitäten und hinzu. Ab 2014, rechtzeitig zum diplomatischen Jubiläum zwischen der Mongolei und der BRD, werden wir unsere Projekte in deutschen und europäischen Kulturinstitutionen, zunächst in Berlin, Zürich und Wien zeigen.

Förderung für unsere bisherigen Projekte haben wir erhalten vom Goethe Büro Ulan Bator, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), dem Kooperationsbüro der schweizerischen Botschaft Ulan Bator (DEZA/ SDC) sowie aus der deutschen Wirtschaft. Wichtige Partner für die Projekte 2013/ 2014 sind der DAAD, das Auswärtige Amt der BRD, die Schering Stiftung sowie weitere Förderer und Kooperationspartner.

 

MDB: Welche Veranstaltung planen Sie demnächst in der Mongolei?

Den gesamten September bis Anfang Oktober 2013 werden unter dem Motto „CROSSING IDENTITIES – Beginners, Experts, Hybrids“ über 30 deutsche und internationale Gastkünstler, Forscher und Studierende nach Ulan Bator reisen, um mit mindestens ebenso vielen mongolischen Kollegen fünf Stadtrauminszenierungen zu entwickeln. Momentan, im Mai und im Juni, recherchieren wir und bereiten alles für das Herbstprogramm vor.

Prof. Oliver Langbein (Deutschland), Teil des Architektennetzwerks osa-office for subversive architecture, dessen Forschungsschwerpunkt experimentellen Stadtentwicklung ist, wirdin Zusammenarbeit mit dem Kulturpolitiker Battsengel Bavuuaka Rapper Quiza (Mongolei) ein Projekt im Gandan Kloster Ger-Distrikt realisieren. Die Künstler Claudia Heu (Österreich) und Jeremy Xido (USA) von der Performance Gruppe CABULA6 setzen sich zusammen mit Choreografin Enkhgerel Dash-Yaichil (Mongolei) an Samstagen im Park mit einer Anregung der Mongolistin Prof. Ines Stolpe, Universität Bonn, dem Thema „Alga Bolokh–Verschwinden“ auseinander. Der DJ und experimentelle Musiker Dickson Dee (Hong Kong) und die Komponistin Prof. Iris ter Schiphorst (Deutschland) werden zusammen mit mongolischen traditionellen Musikern mit urbanen Klängen experimentieren. Der Medienkünstler Ole Frahm (Deutschand) von der Performancegruppe LIGNA entwickelt auf Vorschlag der mongolischen Intellektuellen Molor-Erdene Sanjaadorj und R. Enkhbat im öffentlichen Raum einen Kommentarzum Hamlet-Stoff von William Shakespeare. Es wird Dokumentarfilm-Fragmente auf Filmscreens und experimentelle Interviews mit Europäern und Mongolen zu ihrer jeweiligen (trans) kulturellen Identität geben sowie noch vieles mehr...

 

MDB: Was denken Sie, wie sich die Arbeit als Künstler hier von der in Deutschland unterscheidet?

Wenn man sich entscheidet, als Künstler zu arbeiten und zu leben, wähltman in den meisten Fällen, auch in Deutschland, ein eher idealistisches als materialistisch geprägtes Leben. In der Mongolei ist die Situation dabei ungleich härter. Ich bin –offen gesagt – immer wieder bestürzt, unter was für prekären Bedingungen Künstler, aber auch Wissenschaftler und Lehrer, in der Mongolei arbeiten, wie wenig ihre gesellschaftlich so wichtige Arbeit in finanzieller Hinsicht wertgeschätzt wird. Kunst, Wissenschaft und Bildung stiften durch Auseinandersetzung Identität und Gemeinschaft. Das istdie Basis und Voraussetzung für alles andere.

 

MDB: Hat die Mongolei auskünstlerischerSicht überhaupt etwas Interessantes zu bieten, gerade im Vergleich mit beispielsweise Deutschland?

Nun, die Mongolei hat bekanntlich eine einzigartige, teilweise von der UNESCO geschützte Kulturtradition. Künstlerisch und auchkulturpolitisch ist die Frage sehr interessant, wieman den notwendigen und wichtigen Schutz der kulturellen Vielfalt mit den Herausforderungen durchinternationale zeitgenössische Kunst verbinden kann, die oft gerade dann entsteht, wenn verschiedene künstlerische Einflüsse aufeinandertreffen.Die Jahrtausende lang überlieferte, unter den Bedingungen des Nomadentums entstandene mongolische Kultur steht vor der Frage, wie sie im urbanen Kontext bewahrt werden kann, ohne zum reinen Museum zu werden. Die künstlerische Vision der URBAN NOMADS Projekte ist es, durch die Begegnung und Zusammenarbeit von mongolischen und deutschen, bzw. internationalen Künstlerinnen und Künstlern, in Kenntnis von und Respekt vor dem jeweiligen kulturellen Hintergrund, der jeweiligen Identität, gemeinsam etwas Neues, Drittes zu entwickeln.

 

MDB: Haben Sie Wünsche oder Anregungen für die Zusammenarbeit mit der MDB (Mongolisch-Deutschen Brücke)?

Ich finde die Arbeit der Brücke sehr relevant und wichtig. Als ich neulich in die Vorstandssitzung bei der Projektvorstellung URBAN NOMADS eingeladen wurde, der Brücke beizutreten, habe ich mich sehr gefreut und den Beitrittwenig später in die Tat umgesetzt. Die Geschichte von Deutschland-Absolventen wie dem Nationaldichter D. Natsagdorj oder dem Schriftsteller und Begründer des modernen mongolischen Theaters D. Namdag,die die Theater- und Geistesgeschichte der Mongolei entscheidend geprägt haben, geht ja bereits auf die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. Beide gehörten zu den jungen Mongolen, die von 1926 bis 1930 in verschiedenen deutschen Städten eine Schul-, Universitäts- oder Berufsausbildung absolvierten. An diese Tradition knüpfen wir mit dem Künstler- und Studentenaustausch, den wir im Rahmen von URBAN NOMADS u.a. organisieren an. Sehr gern möchten wir in Zukunft zusammen mit der Brücke Projekte entwickeln, mit dem gemeinsamen Ziel, Sinnvolles für die mongolische – und deutsche! – Zivilgesellschaft, Demokratie und Stadtentwicklung zu bewirken und gleichzeitig innovative transkulturelle Kunst zu produzieren.

 

Vielen herzlichen Dank für das Interview!


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